FÜHRT HASS ZUR RETTUNG UNSERER HEIMAT? Oder zum Untergang unserer Gesellschaft

(05.10.2015 – Offener Brief an besorgte Bürger von Dan Schneider) 

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Mir ist bewusst, dass viele Menschen des Themas „Flüchtlinge“ müde und überdrüssig sind. Dennoch lässt in den Sozialen Netzwerken der Hass und die Hetze gegen Asylbewerber nicht nach. Im Gegenteil, subjektiv betrachtet, scheint sich das Phänomen zu verstärken. Die Versäumnisse der Politik, ihre Bürger auf die Problematik vorzubereiten, führen zu Angst und Fremdenfeindlichkeit. Wieder einmal.
Dass wir uns vor allem Fremden fürchten, liegt in unserer Natur. Es ist ein Schutzmechanismus, der uns mit einer gewissen Vorsicht ausstattet. Die Angst, dass wir als Gesellschaft mit der Flüchtlingsflut überfordert werden, ist allgegenwärtig und wir teilen sie alle. Aber es gibt verschiedene Wege mit seinen Ängsten umzugehen. Man kann sich diesen hingeben, oder ihnen entgegenwirken. Man kann sich aber auch von der Angst übermannen lassen. Wenn nicht mehr wir bestimmen, was richtig oder falsch ist, sondern unsere Angst, bewegen wir uns in einem pathologischen Teufelskreislauf. Die Geschichte verschiedenster Gesellschaften hat uns immer wieder gelehrt, dass ungerecht verteilter Reichtum und das Schüren von Ängsten gegen Schwächere, letztendlich in einer humanistischen Katastrophe endeten. Ob Apartheid, Sklaverei oder Antisemitismus, Völkermorde und Kriege waren die Folge von Egoismus und mit Ängsten gespeistem Hass.

Also zeigt uns die Vergangenheit, dass es nicht der richtige Weg sein kann, sich vor allem und jeden zu fürchten. Im Gegenteil, gäbe es nicht mutige Menschen, furchtlose Entdecker und Freigeister, wäre unsere Gesellschaft nicht dort, wo sie heute steht. Ohne den Austausch zwischen verschiedensten Kulturen, müssten wir auf viele Erfindungen verzichten, die unser Leben so luxuriös machen. Allein der Anteil an Nahrungsmitteln aus fremden Kulturen ist beachtlich. Es gäbe kein Reis, Nudeln oder Kartoffeln, kein Kaffee oder Tee. Das Zusammenleben mit Fremden muss nicht nur Gefahr bedeuten, es kann auch bereichern. Dazu bedarf es eben etwas Mut.

Unser gesunder Menschenverstand müsste nun eigentlich folgenden Schluss ziehen: wenn Angst zu Hass und Blutvergießen führen kann, Mut aber zu Fortschritt und Entwicklung führt, dann wäre doch Letzteres erstrebenswert, oder nicht? Aber stattdessen stützt sich der Bürger auf seine Meinungsfreiheit. Ein unglaubliches Paradoxon. Gerade Rechte Kräfte impfen nun dem einfachen Bürger ein, dass er Mut beweist, in dem er seine Meinung, also seine Ängste, laut äußert. Sie verherrlichen aber gleichermaßen ein System, in dem es diese Meinungsfreiheit nie gab. Sie ist ein Kind der Demokratie und nicht einer rassistischen Diktatur, und daher auch an Bedingungen geknüpft. Eine Bedingung besagt, dass die Gesellschaft, deren Werte wir auch mit unserer Meinungsfreiheit schützen, keine Fremdenfeindlichkeit toleriert. Wer die Äußerung von Hass mit der Meinungsfreiheit rechtfertig, verletzt damit eines unserer Grundrechte. Wer andere Menschen nach ihrer Herkunft oder Religion diskriminiert, macht sich strafbar, weil er die Moral unserer Gesellschaft missachtet. Das sollte den Hetzenden langsam bewusst werden. Auf die Meinungsfreiheit darf sich nur der berufen, der sich auch sonst mit den Paragraphen unseres Grundgesetzes einverstanden erklärt.

Für mich macht es wenig Unterschied, ob ein Mensch seine Heimat verlässt, weil sein Leben unmittelbar durch Waffen oder durch Hunger und Obdachlosigkeit bedroht ist. Ich bestreite nicht, dass es eine erhebliche Zahl Flüchtender gibt, die ganz egoistisch ein besseres Leben in der westlichen Welt suchen. Auch das liegt in unserer Natur. Viele deutsche Fachkräfte machen es genauso. Krankenschwestern, Ärzte und Ingenieure verlassen unser Land mit Aussicht auf bessere Gehälter und einem höheren Lebensstandard. Finden wir das verwerflich und nennen wir sie Wirtschaftsflüchtlinge? Nein, wahrscheinlich ist das was Anderes, ist es nicht! Es liegt in der Natur des Menschen, für sich und die Familie das Beste zu erreichen, ein Erhaltungstrieb. Mir stellt sich dich Frage, warum uns das so missfällt, obwohl wir nicht anders reagieren? Vielleicht weil wir viel zu träge sind uns darüber Gedanken zu machen, auf wessen Schultern wir unseren Wohlstand erlangt haben. Nicht jeder im Einzelnen, aber unsere Gesellschaft im Ganzen schon. Unser Privileg, in einem reichen Land geboren zu sein, hat eben auch seinen Preis. Auch wenn wir nicht unmittelbar an der Ausbeutung von Ländern der Dritten Welt beteiligt sind, wir nicht persönlich die Waffen an den Nahen Osten verschickt haben, tragen wir als Gesellschaft die Verantwortung aus der Vergangenheit und Gegenwart mit. Unser Streben nach immer günstigeren Konsumgütern führt dazu, dass unsere Industrie, die ein Standbein unserer wohlhabenden Gesellschaft ist, nach und nach unser Land verlässt. Für mich sind diese Konzerne die wahren Wirtschaftsflüchtlinge. Um ihren Profit zu halten oder zu steigern und gleichzeitig unseren Geiz zu befriedigen, verlagern sie den Arbeitsmarkt hinaus aus Deutschland. Die Leidtragenden sind die Arbeitnehmer. Es drohen Dumpinglöhne oder Arbeitslosigkeit. Hochqualifizierte Fachkräfte werden hingegen abgezogen. Auf lange Sicht bricht uns die Grundlage unseres Wohlstandes weg und die Ursache ist nicht bei den Flüchtlingen zu suchen, sondern in erster Linie bei uns selbst. Vielleicht sind die Qualifizierten unter den Flüchtlingen sogar unsere Rettung. Vielleicht nehmen sie uns die Arbeit nicht weg, sondern ab.

Da immer wieder helfende Deutsche beleidigt, denunziert und bedroht werden, ihnen unterstellt wird, sie würden sich nicht um die Obdachlosen kümmern oder unsere deutschen Kinder vergessen: Menschen die Flüchtlingen helfen, unterscheiden nicht, wem sie helfen, sie helfen Menschen. Es ist schon ein Frechheit von denen, die an einem „Penner“ missachtend vorbeigehen, immer wieder die Armen unseres Landes als Argument zu missbrauchen. Stattdessen ruf ich jeden der Angst hat, sich der Problematik zu stellen, Mut zu zeigen. Lernt die Menschen kennen, macht Erfahrungen mit ihnen, es werden auch mal negative dabei sein. Aber auch in unseren eigenen Reihen gibt es welche, die uns enttäuschen. In den Großstädten wird uns gezeigt, dass Menschen unterschiedlichster Kulturen friedlich miteinander leben können, wenn sie ausreichend integriert werden. Wenn man sie hingegen abschottet, so hat uns die Vergangenheit gezeigt, werden sie sich ausgrenzen und ihre eigene Subkultur bilden. Wenn wir den Mut aufbringen, uns unseren Ängsten vor dem Fremden zu stellen, haben wir auch eine Chance unsere Verantwortung wahrzunehmen, Menschen die nicht im Geburtslotto Deutschland gewonnen haben, etwas an unserem Wohlstand teilhaben zu lassen. Und wem es noch schwerfällt, weil es immer nur um Fremde geht, der kann gern damit anfangen und nicht benutzte Kleidung an Obdachlose und Kinderheime spenden. Hauptsache wir besinnen uns wieder auf unsere Menschlichkeit und moralischen Werte und nicht auf einen falschen Patriotismus der sich auf ein Geburtszufall stützt. Ich bin nicht auf mein Land stolz, wenn es mir zeigt, dass die Fehler der Vergangenheit wieder und wieder begangen werden, und wo das eigene Wohl weit über dem der Gemeinschaft steht. Ich möchte auf ein Land stolz sein in dem jeder Mensch Mensch sein darf, unabhängig seiner Herkunft, Bürger Mut zeigen, sich den Problemen und Herausforderungen zu stellen, statt daheim am Rechner zu sitzen und zu wettern und den Schwächsten die Schuld ihrer Unzufriedenheit zu übertragen. Es ist ok sich Sorgen zu machen und Angst zu haben. Es ist nicht ok, pauschal Hass zu schüren und mit Falschmeldungen Angst zu verstärken. Bevor ihr Dinge teilt, prüft die Herkunft und die Wahrheit der Berichte. Nicht alles was geschrieben wird, entspricht den Tatsachen. Wenn die Gemeinschaft zusammenhält, lassen sich vielleicht die Fehler unserer Regierung auf einen minimalen Schaden reduzieren. Wenn wir uns einmauern, verstärken wir nur die Not und schieben das Unvermeidliche vor uns her.